Wenn du das dritte Mal in einen Hundehaufen getreten bist,..

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Naaar
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Registriert: Sa 8. Mai 2010, 11:28
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Wenn du das dritte Mal in einen Hundehaufen getreten bist,..

Beitrag von Naaar »

, fängst du an, bewusster zu gehen"

Als ich das Projekt verkündet habe, im Freundes- und Kollegenkreis, dachten natürlich viele: Der spinnt. Sechs Monate ohne Schuhe, was soll das bringen? Ich wollte halt einfach mal wissen, ob es auch ohne geht. Ob ich so was überhaupt noch kann. Morgens ist das ja mit das Erste, was ich tue, Tasse Kaffee, Dusche, Hausschuhe. Das geht total automatisch. Ich bin eigentlich immer ein Fan von schönen Schuhen gewesen, ich bin kein Skeptiker, der sagt, barfuß ist gesünder.

Also, das Positive an Schuhen habe ich schon vermisst. Es ist einfacher, irgendwo hinzukommen. Alles geht schneller, verstehen Sie? Und ohne Schuhe musst du höllisch aufpassen, Glasscherben, Kronenkorken, Babykotze, man weiß als Schuhträger gar nicht mehr, was alles so auf den Gehwegen herumliegt. Ich hatte immer Pflaster und Putztücher dabei. Wenn du das dritte Mal in einen Hundehaufen getreten bist, fängst du an, bewusster zu gehen, was eigentlich eine sehr schöne Erfahrung ist.

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Die Leute begegnen dir anders. Viele denken, es ist was Religiöses. Oder ein medizinisches Problem. Manche starren dir auf die nackten Füße, aber trauen sich nicht, zu fragen. In Restaurants wirst du von den Kellnern gemustert wie ein Außerirdischer, rausgeflogen bin ich aber nur zwei Mal, in einem Luxushotel und in der Spielbank.

Soziale Kontakte, klar, die werden schwieriger. Ich bin immer gerne mit meiner Freundin gewandert, das ging gar nicht mehr, dieses Geröll und der Splitt auf den Wegen, unmöglich. Radtouren – auch schwierig, weil du dich beim Anhalten oft blitzschnell mit den Füßen abstützen musst, ohne vorher auf den Boden zu gucken. Konzerthallen waren eine echte Folter, weil die einem da im Dunkeln dauernd auf die Füße treten, ich bin nicht mal zu Bob Dylan.

Tanzen ging gar nicht. Partys, Einladungen? Kommt darauf an. Ich habe den Gastgebern vorher immer Bescheid gesagt. Kein einziger hat mich wieder ausgeladen, aber an den Reaktionen habe ich manchmal doch gemerkt, dass es ihnen nicht recht ist, und bin dann nicht hingegangen.

Auf diese Weise habe ich ein Essen in der amerikanischen Botschaft, die goldene Hochzeit von meinem Onkel und die Beerdigung von einem alten Freund verpasst. Seine Witwe hat am Telefon total hysterisch reagiert, ich sei ja wohl das Allerletzte, dass ich sie in dieser Situation mit meinen Füßen behellige.

Beruflich war es für mich als Autor eine schwierige Zeit. Bestimmte offizielle Termine konnte ich einfach nicht wahrnehmen, zum Brunnerprozess oder zur dänischen Fürstenhochzeit kannst du nicht barfuß kommen. Ich konnte ja auch nicht richtig Auto fahren, der Fuß schwitzt, du rutschst vom Pedal ab, das habe ich nur auf kurzen Strecken riskiert. Man kann vielleicht kritisieren, dass ich das Sommerhalbjahr gewählt habe. Heute behaupte ich, es geht auch im Winter, an Schnee und Eis gewöhnst du dich. Früher bin ich Gott weiß wohin gegangen, ohne mich vorher zu fragen: Willst du das wirklich, musst du da wirklich hin? Das hat sich in diesen sechs Monaten radikal geändert. Stattdessen musste ich mich oft fragen: Was machst du jetzt mit deiner Zeit? Und das war für mich die wertvollste Erfahrung überhaupt. Dieses Stück Selbstbestimmung, das du zurückgewinnst. Das Gefühl, es geht auch ohne.

Den Rest lesen Sie in meinem neuen Buch Auf nackten Sohlen. Sechs Monate ohne Schuhe und Strümpfe. Es gibt natürlich auch Sachbücher, in denen Leute über eine Zeit ohne Internet, ohne Handy, ohne Geld oder ohne Selbstdisziplin schreiben, meiner Ansicht nach sind das Weicheier.
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