Ich würde mal sagen das grosse Problem ist einfach die enorme Aufsplitterung. Goa Trance war ursprünglich ein einziger Stil. Aus diesem Stil hat sich heute ein Gewirr von wahrscheinlich zwischen 10 und 20 Substilen und Sub-Substilen entwickelt. Und da sich Sound immer weiter entwickelt (besonders im Techno ist ja anscheinend alles viel kurzlebiger als in anderen Musikbereichen), wird diese Aufsplitterung immer so weiter gehen. Die Szene spaltet sich auf. Dass da Konflikte entstehen ist nur logisch.
Grob gesagt spricht man ja heute im Bereich der musikalischen Stile, die an Goas laufen von drei Substilen: Progi, Fullon und Dark. Dementsprechend bilden sich auch neue Lager/neue Formen der Szene/neue Denkweisen/neue Einflüsse. Musik ist ja nicht nur Musik, sondern steht immer in Verbindung mit einer Szene und somit in Verbindung mit einer Denkweise, einer Mentalität. Also entwickeln sich auch neue Denkweisen, die an Parties, an denen alle drei Substile nebeneinander laufen, aufeinander prallen.
Ein Beispiel: Am Somuna-Festival habe ich mein Zelt neben einer Gruppe von anderen Zelten aufgestellt. Schnell hat sich herausgestellt, dass die Typen von nebenan nicht sehr nach Freaks ausgesehen haben und die ganze Zeit gesoffen und über XTC diskutiert haben. Durch den Tag sassen sie meistens rum und haben laut gegrölt und in der Nacht, als der Sound mal aggressiver wurde, bewegten sie sich plötzlich in Richtung Dancefloor.
Da Darkpsy beispielsweise immer aggressiver wird, ist es nur logisch, dass an solchen Parties auch vermehrt Menschen anzutreffen, die sonst wohl eher an Hardcore Techno-Parties anzutreffen sind. Diese Menschen entdecken dann diese Szene und kommen somit auch mit anderen Menschen dieser Szene in Kontakt, melden sich vielleicht auch hier auf dem Forum an und stören sich am langweiligen Fullon-Gedüdel oder dem Progi, der ihnen eh viel zu langsam ist. Ich will nicht sagen, dass das schlecht ist. Ich will nur darauf hinweisen, dass eine derart grosse Aufsplitterung zwanghaft zu Konflikten führen muss.
Oder nehmen wir mal den Progi unter die Lupe. Eine Richtung des Progi (so im Stil des neusten Neelix-Albums) scheint sich in meinen Augen in Richtung eines neuen ultimativen Club-Sounds zu entwickeln. Ich habe einige Kollegen, die eigentlich vor allem auf House und Minimal stehen, aber wenn Progi in irgend einem Schuppen läuft, sind sie sicher auch mit von der Partie. Und mit irgend welchem Hippie-Freaktum hat auch das nicht mehr viel zu tun. Das sind normale "Clubber", die halt eben mal am Wochenende abfeiern gehen, vergleichbar mit Oxa-Gängern beispielsweise.
Das wäre also eher so die minimalistische Richtung des Progi. Dann gibt es aber noch eine andere Richtung, die eher mehr auf Melodien setzt. Zum Beispiel Dancing Devil, Flugbegleiter, Audiomatic etc. Das ist dann schon eher wieder Outdoor-Goa-Sound in meinen Augen, der auch weniger Housemässig daher kommt, sich also etwas weniger bei Mainstream-Elementen bedient.
Und Fullon? Vor Kurzem hat mir eine Kollegin eine CD von DJ Tatana ausgelehnt. Einige Stücke auf der CD tönen genau wie beispielsweise Electro Sun. Hat mich irgendwie echt erstaunt. Kein Wunder steigen viele auf die Barrikaden, wenn Fullon immer mehr in Richtung normalen Trance rutscht. Ich habe nichts dagegen. Aber wie oben erwähnt, ist das immer eine Mentalitätsfrage. Da prallen verschiedene Szenen aufeinander. Mal angenommen an einer reinen Fullon-Party würden zur Hälfte Goa-Freaks und zur anderen Hälfte Oxa-Gänger auftauchen. Das ist vergleichbar mit einem Death Metalkonzert, an dem neben True Metallern auch Nu Metaller auftauchen.
Ich stelle mal eine Prognose auf:
Die Szene wird sich aufsplittern, keine Frage.
-Darkpsy:
Wird immer aggressiver und erlebt irgendwann eine Vermischung mit Darkcore und Terrorcore. Linksgerichtete Gabbers und Anhänger der Schwarzblock-Anarchopunk-Szene werden die Szene überschwemmen.
-Progi:
Die eine Richtung vermischt sich immer mehr mit Electro, Minimal und House und wird in zwei, drei Jahren auch im Oxa das erste Mal aufgelegt.
Die andere Richtung bleibt wohl fester Bestandteil der Goaszene und bleibt vorerst neben jenem Fullon, der noch nicht in die Clubber-Szene abgerutscht ist, bestehen.
-Fullon: Werke der trancigeren Variante werden wie oben erwähnt immer mehr in einschlägigen Zürcher Mainstream-Clubs gespielt. Stücke von Electro Sun, Talamasca und SUN Project werden in zwei Jahren das erste Mal auf der DJ Energy-Compilation zu finden sein. Der Psy-Fullon bleibt in der Goaszene bestehen.
So oder ähnlich wirds wohl kommen. Daran gibts nichts zu ändern. Die Frage, die sich Organisatoren über kurz oder lang stellen müssen, ist, wollen sie die zunehmenden Konflikte dulden, oder veranstalten sie irgendwann nur noch nach Stilen getrennte Parties. Dass alle Stilrichtungen ihren alternativen Touch behalten werden (was die Mentalität der jeweiligen Szene angeht), daran zweifle ich nicht. Womöglich werden jene Stilrichtungen, die im Pool der Mainstream-Stile landen, ihren alternativen Touch nach und nach verlieren. Aber eben, das ist der Lauf der Zeit.
Ich fände es natürlich auch schade, wenn an grossen Goa-Festivals eines Tages nicht mehr die ganze Vielfalt an Stilen gespielt wird, denn ich kann heute eigentlich allen Stilen etwas abgewinnen. Natürlich hab ich auch meine Vorzüge, aber ich könnte jetzt nicht sagen, dass ich zum Beispiel Progi das Hinterletzte finde. Aber eines Tages werden die Konflikte wohl so gross, dass eine definitive Absplitterung unausweichlich ist. Das hätte ja auch ein Stück weit sein Gutes. Dann könnten Darkies ihre Schübel-Parties veranstalten. Und die dies lieber melodisch haben gehen dann halt an eine andere Party.
Nicht vergessen sollte man dabei auch die ganze Psy-Richtung. Denn Darkpsy und Psycore haben meiner Meinung nach unterschiedliche psychedelische Nuancen. Würde sich die Psycore-Schiene wirklich in die Richtung entwickeln, die ich vermute, würden wohl auch einiges der psychedelischen Elemente verloren gehen. Und auch da wird sich sowieso wohl noch einiges verändern. Schliesslich gibts doch ganz andere Stile mit dem Begriff "Psy" drin.
Wir können also gespannt sein.
