Dieser Thread soll einfach mal ein bisschen ein Tummelplatz für jene sein, die mit dem ganzen neumodischen Positiv sein, und glücklich sein, und tolerant sein (ausser gegenüber Negativem versteht sich) - je länger je weniger anfangen können.
Ich glaube die Menschen sind heute sehr verwirrt. Und ich glaube nicht dass das eine Projektion ist. Auch so ein neumodisches Wort...
Ich glaube, die Menschen sind heute zum Glücklichsein gezwungen. Und das schliesst niemanden aus. Und es überfordert alle, und es verunsichert alle, weil jeder irgendwie spürt, dass viel zu viel Negatives ganz einfach DA ist, und man sich dem ganzen nicht verschliessen kann, so sehr man es auch versucht.
Es ist leicht, Sprüche zu klopfen, so im Stil von "die Welt steht vor dem Abgrund" (im Grunde genommen schwebt sie die ganze Zeit in einer Art nichts, also wohin soll sie fallen?). Viel schwieriger ist es, die Menschen zu verstehen.
Warum gibt es Gewalt? Warum gibt es Menschen die sich das Leben nehmen? Warum gibt es übermässigen Konsum sei das nun Essen, oder Drogen oder sonstwas?
Wir sind dazu gezwungen glücklich zu sein, weil es uns schliesslich gut geht, und weil wir sicher sind, und weil wir alles haben was es zum Leben braucht, und es ist dumm und egozentrisch und so weiter wenn man das alles nicht sieht, oder nicht wahrnimmt, oder mehr möchte, weil dieses mehr ist ja eh luziferisch (die entsprechenden Diskussionen wärme ich jetzt nicht nochmal auf). Gleichzeitig dürfen sich Konzerne immer mehr herausnehmen, ohne dass auch nur mit der Wimper gezuckt wird. Scheiss Doppelmoral.
Es ist doch eine ziemliche Anmassung seitens der Allgemeinheit, dass es uns gut gehen soll, was einfach nicht geht, ausser man blendet ganz viel aus, von dem was REAL ist. Entweder, indem man es ganz einfach nicht mehr wahrnimmt. Also TV aus, Zeitungen nicht anfassen? Im Gegenteil, die Zeitungen dienen ja gerade dazu uns immer mehr abzustumpfen, sodass Tod und Verwüstung für uns schon normal sind, schliesslich liest mans ja dauernd. Abnormal wäre es wenn es plötzlich überall friedlich wäre.
Ja, und stirbt dann ein Bekannter oder so und dann darf man einige Zeit lang traurig sein, aber bloss nicht zu lange, nach drei Tagen (bei Familienmitgliedern) muss man wieder Hochleistung zeigen, immer lächeln, immer freundlich sein, immer korrekt sein, immer gutmütig sein, und wehe dem der das nicht ist.
Der ist ein Depp. Oder Schlimmer: ein böser Mensch.
In letzter Zeit fühle ich mich zu bösen Menschen angezogen, sie sind meist sehr viel echter, sehr viel realer, sehr viel wirklicher, als diese schein-psychologisch-geschulten wir haben uns alle gern, post-68er die in Politik und Wirtschaft das sagen haben, aber nicht nur dort, auch hier im Forum liest man ja des öfteren von den weisen Guten, die alles schlecht machen, was irgendwie negativ ist.
Warum eigentlich? Weil es einfach nicht ins Internet passt? Weil Gut besser ist als Negativ?
NEIN. Eben nicht… sondern weil die glücklichen Menschen Gratwanderer sind, auf einer künstlichen Glücklichkeitsebene, die erschaffen und erhalten werden muss, indem man sich betäubt, und ablenkt und sich all das schlechte vom Halse schafft, weil wir wollen ja glücklich sein.
Aber schein ist nicht sein, meine Damen und Herren! Scheinbare Glücklichkeit indem man lächelt und im inneren weint? Und das vielleicht sogar nicht mal mehr merkt!? Das ist nicht das was wir suchen.
Davon gehe ich jedenfalls aus. Die „Gesellschaft“ ist irgendwie zu bewundern, wie sie es schafft, all die menschlichen Ängste, Emotionen, Träume, Wünsche, Begierden, Hoffnungen, den Wut und den Hass, die Eifersucht und die Trauer, die Liebe und das Glück in ein duales Korsett von „Glücklich oder Negativ“ zu zwängen und alles und jeden nach dieser simplen Vereinfachung zu beurteilen.
Wir sind so sehr unfrei! So sehr, dass wir nicht mal mehr einfach so sein können, wie wir grad sind, weil immer irgendwer aus irgendeinem Gefühlszustand irgend etwas negatives dichten kann, und statt dagegen anzukämpfen, noch emotionaler noch wütender noch freudiger zu sein, verdichtet sich alles in einer Art von Gelassenheit, die jedoch nichts weiter darstellt, als der Wunsch bloss nicht aufzufallen, bloss nicht zu zeigen, dass man ein Mensch ist.
Das alles ist so traurig, so unglaublich drückend… ich kenne auch kein Rezept ausser mich zurückzuziehen von diesem Glücklich sein, von diesem scheinbaren, aufgesetzten, retortenartigen Dasein, eines modernen Menschen! Rückzug, Resignation, Gleichgültigkeit und Abstumpfen. Und DAS nennt man dann glücklich??
Wir sind so sehr bemüht um gute Nachbarschaft, um Toleranz und Akzeptanz von allen Dingen um uns herum, dass wir einfach vergessen, dass es manche Dinge gibt, die tatsächlich und vollständig abzulehnen sind. Wenn wir hoffen, selbst besser akzeptiert zu werden, so ist das ein Irrtum, denn diese Form der Akzptanz gründet auf Ignoranz, darauf, einander „einfach in Ruhe zu lassen“, statt sich auszutauschen, miteinander zu streiten, sich wieder zu vertragen, und es ist mehr ein miteinander auskommen, als einander verstehen, und vergeben. Wie sollen sich denn zwei Länder die Krieg miteinander haben, jemals vergeben, wenn sie nie miteinander reden? Nur ein (nicht soo fiktives) Beispiel.
Wenn ich mürrisch durch die Strassen gehe, so fühle ich mich auf seltsame Weise frei, unabhängig von dem was „man“ so tun sollte. Ich finde diese menschliche Gesellschaft worin es weniger um das geht, wie jemand IST, sondern nur darum, wie er scheint, irgendwie etwas bekloppt. Ich mein’ wozu haben wir all die Gefühle, die wir nicht bereit sind zu ertragen, wenn wir sie am liebsten wegamputieren würden?
Man darf sich nicht aufregen, man darf sich nicht freuen, man darf ja nicht zu laut lachen, aber man soll auch nicht zu leise reden – Läck mer doch! Warum denn nicht? Warum darf man nicht mal mehr das Wort „Boykott“ in die Finger nehmen, ohne dass es gleich eine mehrstündige Diskussion um das WORT Boykott geben muss, statt, was ja eigentlich die Idee wäre, den Grund für das Boykott zu diskutieren? Warum muss jeder so sein, wie irgendein Ideal, obwohl keiner mehr von Idealen träumt, weil das ja irgendwie unrealistisch ist?
Man darf nichts kritisieren, weil niemand gerne Kritiker hat. Schon richtig. Hab ich auch nicht gern. Und? Ist es denn die Idee des Kritikers dass man ihn gern hat? Geht’s nur darum im Leben, wer hat mich gern, wer nicht? Und ja nie was dazu lernen! Schliesslich ist man ja GUT, so wie man ist, denn man lächelt ja!
Hach tammi nomal ich krieg einfach nicht auf die Reihe was ich sagen will. Ich weiss nicht ob mich irgendwer versteht, ausser diejenigen unter euch, die es genau gleich sehen, oder jene, die erkannt haben, wie viel Angst sie vor der Gesellschaft haben, weil sie nicht so glücklich und zufrieden sind, wie die meisten ES SICH VORMACHEN ZU SEIN.
Na. Egal.
Was ich mir wünsche? Eine Menschheit die nicht mehr bereit ist, Rollen zu spielen, zu erwarten, zu formen und zu fördern, von Kindheit an bis ins hohe Alter anzudichten und zu verlangen. Ich liebe Menschen, die einfach nicht normal sind, seien das Spinner, oder Melancholiker oder wahrhaft glückliche Menschen, die jauchzen und tanzen, wenn sie nur nicht NORMAL und abgestumpft sind.
Bloss nicht so…
Wie ich.

